Unser Vater ist gestorben. Reinhard Kleinknecht: ein Vater, ein Sohn, ein Bruder, ein Ehemann, ein Kollege, ein Lehrer – und vor allem: ein Philosoph. "Philosophia" bedeutet "Liebe zur Weisheit", und mehr als alles andere liebte er das Spiel des scharfen Verstandes, das Kreuzen der Klingen des Intellekts, und die wachsende Freude, je fähiger sein Gegenüber sich in diesem Duell herausstellte. Sein schelmisches Grinsen, wenn er wieder eine Rückfrage stellte, um die Rhetorik des Gegenübers auf die Probe zu stellen, steht mir noch deutlich vor Augen. Doch liebte er auch das Leben, den Genuss – und die Menschen. Keinen Moment zweifelten wir an seiner tiefen Liebe zu uns. Es war ihm immer ein Anliegen, Gutes zu tun und zu bewirken; nie zögerte er, zu helfen, wo er konnte. Gleichzeitig verstand er es, die Menschen für sich einzunehmen, bezauberte sie mit Charme, Witz und überraschenden Fragen. Wer ihn eine Weile kannte, nahm gewiss das eine oder andere wörtliche Zitat oder Sprachspiel in seine Erinnerung auf. Er war ein außergewöhnlicher und unkonventioneller Mensch. Er lebte nicht für die praktischen Dinge des Alltags, sondern für die höheren Sphären von Geist und Intellekt. Als Lehrender, Kollege und vielfacher Doktorvater wurde er allseits geschätzt und bewundert: sowohl an der TU München, wo seine berufliche Laufbahn begann, als auch später an den Instituten für Philosophie der Universitäten von Innsbruck und Salzburg. Ich selbst muss gestehen, dass ich große Teile dessen, was ihn an der Philosophie und Wissenschaftstheorie so faszinierte, nie wirklich durchdrungen habe. Unvergessen – dank seiner zigfachen Wiederholung der Begebenheit – der Tag, als ich als kleines Mädchen mein Verständnis von seinen Notizen und Formeln in folgender Form zusammenfasste: "+ a6 = firto". Und ich gestehe, darüber nie weit hinausgekommen zu sein – was seiner Wertschätzung meiner Person insgesamt aber keinen Abbruch tat. Und er liebte auch die Sprache, ihre Poesie und das Spiel mit ihr. Immer wieder rezitierte er bestimmte Textstellen und Gedichte, bevorzugt von Christian Morgenstern und Wilhelm Busch. Ebenso liebte er die klassische Musik. Er heiratete eine Pianistin (unsere Mutter), spielte selbst Klavier, Geige und Cello. Und er begleitete sich gern zum Gesang von Schubert-Liedern. Schon als kleines Kind faszinierte mich seine Darbietung des Erlkönigs oder der Lieder vom Leiermann oder dem Lindenbaum. Aber seine Lieblingsmusik, wie Corinna besser weiß als ich, war die von Johann Sebastian Bach. Deshalb → Oratorium? Ich habe einige Jahre in Mexiko gelebt und in sehr schöner Erinnerung, wie dort zu Allerheiligen der Tag der Toten (día de muertos) gefeiert wird. Man glaubt dort, dass die Toten an diesem Tag zurückkehren in die Welt der Lebenden und ihren Lieben einen Besuch abstatten. Dabei besuchen sie den ihnen errichteten Altar und essen Früchte und süßes Gebäck. Das Verhältnis zu den Toten ist dort eins, das sie in sehr lebendiger Erinnerung behält. Unser Vater wollte nicht konventionell beerdigt werden und keine feste Gedenkstätte haben: Man solle die Gedanken nicht auf die Toten verwenden, sondern auf die Lebenden. Wir glauben, dass es in seinem Sinne ist, dass seine Asche in die Erde dieses Gartens eingeht. Dieses Haus fand er nach langer Suche und war bis zum Ende glücklich, es gekauft zu haben. Wir ehren sein Andenken, indem wir seine sterblichen Überreste an diesem schönen Fleckchen Erde wieder in den Schoß von Mutter Natur zurückgeben. Wir wollen seine Lebendigkeit im Gedächtnis behalten und das Leben feiern. Denn ohne Tod gibt es kein Leben, und ohne Leben gibt es keinen Tod. Wir wollen uns freuen, am Leben zu sein, solange es uns vergönnt ist, und das Beste daraus machen – wie auch er seine 81 Lebensjahre zur Fülle ausgeschöpft hat.
Erinnerung
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Im Gedenken
FK
Geteilt von
Friederike Kleinknecht